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Gastprofessur 2014/15

Dr. phil. Thomas Mießgang
geboren 1955 in Bregenz, lebt in Wien.
Er studierte Germanistik und Romanistik an den Universitäten Innsbruck und Wien. Langjährige publizistische Tätigkeit in Printmedien (Falter, Profil, Die Zeit) und beim ORF (Musicbox, Diagonal) und im Rahmen von zahlreiche Katalogtexten und Buchbeiträgen, u. a. Padhi Frieberger, Dominik Steiger (Kunsthalle Krems), Leigh Bowery  (Piet Meyer Verlag), Julie Hayward, Julie Monaco.
Von 2000–2011 (Chef)Kurator der Kunsthalle Wien.  Mitarbeiter der Viennale – Vienna International Filmfestival und seit 2012 künstlerische Co-Direktion in der Christine König Galerie. Mießgang ist auch als freier Kurator tätig. Aktuelle Ausstellung „Die andere Seite – Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst“  (Unteres Belvedere, gemeinsam mit Edelbert Köb).  

Gestaltung zahlreicher Ausstellungen als Kurator der Kunsthalle Wien, u.a.

  • „Superstars – Das Prinzip Prominenz in der Kunst.“
  • „Attack – Krieg und Kunst unter zeitgenössischen Medienbedingungen“
  • „Viva la Muerte – Der Tod in der lateinamerikanischen Kunst“
  • „Africa Screams – Das Unbewußte in der afrikanischen Kunst.“
  • „No One is Innocent – Kunst und Punk“  


Zahlreiche Publikationen zur Musik und bildenden Kunst:

  • „X-Sample – Gespräche am Rande der Zeit“ (Passagen Verlag, 1993)
  • „Der Gesang der Sehnsucht- die Geschichte des Buena Vista Social Club“ (Kiepenheuer & Witsch, 2000) „Che Guevara – Ich bin ein optimistischer Fatalist“ (Fackelträger Verlag, 2007)
  • „Der phantastische Phallus – die unglaubliche Geschichte von Wendelin Rentzsch-Tetzlaff und seiner Sammlung herausragender Avantgardekunst.“ (Rogner & Bernhard, 2012)
  • „Wien-Pop – Die Geschichte der Wiener Popmusik, erzählt von ihren Protagonisten“ (Falter-Verlag, 2013) „Scheiss drauf – Die Kultur der Unhöflichkeit“ (Rogner & Bernhard, 2013)

Re-make / Re-Model

Die Geburt der Modernität aus dem Geist von Richard Hamilton, Roxy Music, Andy Warhol und Velvet Underground – eine installative Inszenierung.  

Nachdem das Projekt der Moderne in den 1960er Jahren seine gesellschaftstranszendierende Kraft verloren hatte und die Materialien der diversen Kunst-Subgenres bis zum jeweiligen Nullpunkt durchdekliniert worden waren, entstand die Sehnsucht nach einer neu gefühlten Romantik des  Urbanen wie sie sich beispielsweise im dérive der Situationisten, aber auch in den gläsernen, hochaufragenden Architekturen von ´Alphaville` manifestierte. Einer Gefühlsaggregation, die von dem Autor und Theoretiker Michael Bracewell am Beispiel Londons als the ultimate romantic road  beschrieben wurde: „Es geht um die Vorstellung, dass man, wenn man der richtigen Straße folgt, den einen, den einzigen Punkt in der Stadt erreicht, an dem man belohnt wird. Man könnte auch sagen: man findet den Topf voller Gold am Ende des Regenbogens.“ Die visuellen Konkretionen und zeichenhaften Stilisierungen der modernen Fashion-, Entertainment- und Advertising-Industrien,  kontrafaktisch gesetzt zu den Entfremdungstheorien der modernen Soziologie und den Dystopien von der ´Unwirtlichkeit unserer Städte` - grob gesprochen, die Spannung, die sich zwischen Marx und Coca Cola aufspannt -  speisten eine Sensibilität, die das Zerebrale der gerade abgelegten Avantgarden mit einer neuen Körperenergie und einer Vorstellung von urban cool zusammendenken wollte: Es ging, verkürzt gesagt, darum taste als Distinktionskategorie des Bürgertums durch style zu ersetzen, der auch ein Programm der Selbstermächtigung enthielt und so den unteren Klassen eine symbolpolitische Aufwertung ermöglichte. Was daraus entstand, war nicht einfach nur ein weiterer Ismus in der Abfolge der Avantgarden des 20. Jahrhundert, sondern eine Attitüde mit einem Hang zum Gesamtkunstwerk: Ziel war die Durchdringung des Alltags mit ästhetischen Manifestationen auf Plattencovers, Magazinseiten, designten Produkten und in der Choreographie der Körper und Seelen (=Body & Soul) in den Showrooms der Konzertsäle mit ihren Sound & Light-Inszenierungen und in den Diskotheken. In der Lehrveranstaltung „Re-make/ Re-model“ soll am Beispiel von zwei  Popkunst/ Kunstpop-Projekten gezeigt werden, wie sich in den späten 1960er und frühen 1970er-Jahren eine Transformation von Lebenswelten vollzog und das richtige Halten einer Zigarette und das Tragen von Ben Sherman-Hemden genauso wichtig wurde wie die korrekte Exegese von Werken aus dem klassischen Kanon der Kunst: In New York formierte sich in der ´Silver Factory` um den unbewegten Beweger Andy Warhol die Band Velvet Underground, mit der er das Low Budget-Multimedia-Spektakel Exploding Plastic Inevitable (=EPI) entwickelte. In Newcastle upon Tyne füllte Richard Hamilton die Rolle des enigmatischen Svengali aus, der einereits an der Dechiffrierung von Marcel Duchamps in der Green Box gespeicherten Schriften und an der Rekonstruktion des großen Glases arbeitete, andererseits die Popismen der Stunde in Musik, Film und Mode mit Begeisterung absorbierte und in seinen Collagearbeiten zu verdrehten Kommentaren über Gegenwart und Zukunft hyperstilisierte. Hamilton`s gewissermaßen durch die intellektuelle John Lennon-Brille gefilterte Pop-Sensibilität wirkte vor allem auf den Studenten Bryan Ferry, der die durch die Luft fliegenden epistemologischen Partikel mit seinem dritten Auge und seinem dritten Ohr erfaßte und dann die Band Roxy Music formierte. Eine Gruppe, die mit ihren retrofuturistischen Outfits und Frisuren, wie der Journalist Peter York schreibt, „aussah, als ob sie nicht aus einer anderen Ära, sondern von einem anderen Planeten stammen würde.“ Sowohl Warhol/ Velvet Underground als auch Hamilton/ Roxy Music repräsentierten, leicht zeitverschoben, in ihren jeweiligen kulturellen und sozialen Milieus ein Anderes, das sich als fragile Balance in einem Feld manifestierte, in dem unterschiedliche politische, kulturelle, sexuelle und existentielle Kräfte aufeinander wirkten. Ein Anderes, das in einer Epoche der intellektuellen Überdetermination den Sinn für das Sinnliche wiederzubeleben versuchte und im Beschwören eines ´Cool`, das sich der unmittelbaren Beschreibung und Dechiffrierung entzieht, präkognitive Erkenntnisinstrumente zu installieren versuchte – Antennas in Heaven, sozusagen.

Re-Make/ Re-Model versucht eine Rekonstruktion jenes mittlerweile historischen Momentes, in dem Pop und Kunst einander so nahe kamen, dass sie quasi interchangeable wurden und dessen Impact auch in den alternativen politischen und kulturellen Milieus der Gegenwart noch zu spüren ist  - man erinnere sich daran, welche Schockwellen der Tod von Lou Reed im vergangenen Jahr ausgesendet hat. Die Lehrveranstaltung soll in eine installative Inszenierung unter Einbeziehung aller kreativen Dispositive der Kunstuniversität münden, in der das Umbruchsparadigma nicht nur erklärt, sondern auch erlebbar gemacht werden soll. Velvet Underground und Roxy Music waren in den Gegenwelten, die sich dem „schändlich Unwelthaften“ (Toni Negri), einer,  die Gegenkultur der Sixties zermalmenden normativen Kraft des faktischen Kapitalismus entgegenstemmten, tatsächlich  „theatrical, arch, literate. clever, sexy, thrilling. The contents covered all the bases: the Warholian ones, the art history ones, the Ladbroke Grove, gay-friends-of-Hockney ones.“ (Peter York) Oder, wie es Bryan Ferry formulierte, „Roxy Music was, above all, a state of mind.“ 

Dr. Thomas Mießgang