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Ein Brief errötet nicht

Evelyn Kuntscher
Bildende Kunst
Bericht zum Förderstipendium 2010
Interaktive Soundinstallation

hochgeprägter Kupferdruckkarton 40x120 cm, Tastsensoren, MP3 Trigger, Stereoboxen, Holztisch

Begreife doch!- Geschaut wird mit den Augen!

Wie etwas begreifen, das man nur ansehen darf? Oder soll - oder womöglich nur kann.

Das Angreifen als Begreifen einer Sache in ihrer Gesamtheit. In Kindertagen normal- mit der Zeit aber wird auch die Angst davor anerzogen, denn das Angreifen und Abtasten eines "Körpers" wird zu einem intimen Akt, zu einer unangebrachten zwischenmenschlichen Interaktion.

Die interaktive Soundinstallation ist nur dann erfassbar,wenn die Betrachtenden ihre antrainierte Angst vor etwas Fremdem, und in diesem Fall sogar Weißem, überwinden und sich der gesamten Sinnlichkeit des „Begreifens“ hingeben.

Erst dann ertönen die Laute der einzelnen in vergrößerten Braillelettern geprägten Phoneme.
Und: ein Brief errötet nicht.

Durch die Verlautbarung der einzelnen Lettern wird zusätzlich das Begehren hergestellt, die flüssige Abfolge der gesprochenen Buchstaben zu erreichen. Dieses Begehren bleibt ein unerfülltes, denn genauso wie in einem frühen Stadium des Lesen lernens, bleibt ein verlautbarter Buchstabe für immer als Einzelnes stehen. Erst in geistiger oder gesprochener Wiederholung werden die Töne zu einem Wort zusammen gefügt.

Der Satzinhalt kann nur bei konzentrierter Auseinandersetzung erfasst werden. Der Lustfaktor dieses " Begreifens" geht Hand in Hand mit der entschleunigten Tasterfahrung dieser Installation - zwar wird, je schneller man mit der Hand über die Schrift fährt, der Satz umso flüssiger gesprochen, es geht dadurch jedoch ein intensives "Begreifen" der Oberfläche verloren.

Diese Ambivalenz bringt die Betrachtenden/ Begreifenden in eine aktive Haltung, eine Suche nach der für sie stimmigen, richtigen Geschwindigkeit und Intensität des Abtastens.

Die Arbeit vereint unterschiedliche Ebenen - einerseits spielt es mit der Lust am Verbotenen - etwa Kunst nicht berühren zu dürfen, andererseits wird etwas Immaterielles - ein gesprochener Satz - mit Hilfe der Brailleschrift haptisch erfahrbar ( nunmehr "begreifbarer" Körper) - in eine intimisierende Situation gebracht, und könnte, also durchaus erröten.

© Evelyn Kuntscher